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Ghul

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Amine wird mit dem Ghul entdeckt, Illustration zur Geschichte des Sidi Numan aus Tausendundeine Nacht

Ein Ghul (arab. غُول, DMG ġūl [ɣuːl]), in weiblicher Gestalt Ghula genannt, ist ein zu den Dschinns zählender mächtiger und gefährlicher, menschen- und leichenfressender Dämon der persisch-arabischen Mythologie, der sich gerne an Begräbnisstätten oder ähnlichen Orten herumtreibt und sich in unterschiedliche Gestalten verwandeln kann. Ghule locken z.B. Wanderer in der Wüste vom rechten Weg ab und verschlingen sie dann. Von Ghulen wird in vielen pesisch-arabischen Märchen und Mythen erzählt, besonders auch in den Geschichten von Tausendundeinenacht. Dort heißt es in der „Geschichte des Sidi Numan“:

„Eines Nachts, als Amine mich in festem Schlafe glaubte, stand sie ganz leise auf und ich bemerkte, wie sie sich mit großer Behutsamkeit ankleidete, um kein Geräusch zu machen und mich nicht zu wecken. Da ich nicht begreifen konnte, aus welcher Absicht sie sich so um den Schlaf brachte, so war ich neugierig, zu erfahren, was sie wohl beginnen würde, und stellte mich fortwährend als ob ich fest schliefe. Sie kleidete sich vollends an und ging darauf ganz leise aus dem Zimmer. Kaum war sie draußen, so stand ich auf, warf mir ein Kleid um und konnte gerade noch durch ein Fenster, das auf den Hof hinaus ging, sehen, daß sie die Türe nach der Straße hin öffnete und sich hinaus begab.

Sogleich eilte ich auch an die Tür, die sie halb offen gelassen, und folgte ihr im Mondschein nach, bis ich sie in einen Begräbnisplatz, der unweit von unserem Hause war, hinein gehen sah. Ich schwang mich auf eine Mauer, die an den Begräbnisplatz stieß, und nachdem ich mich gehörig vorgesehen hatte, daß mich niemand bemerken konnte, erblickte ich Aminen bei einer Gule. [Fußnote]

Du weißt, o Herrscher, daß die Gulen beiderlei Geschlechts böse Geister sind, die auf den Feldern umherschweifen. Sie bewohnen in der Regel alte verfallene Gebäude, von wo aus sie die Vorübergehenden überfallen, töten und ihr Fleisch verzehren. Können sie keine Lebenden erwischen, so gehen sie des Nachts auf Begräbnisplätze, wühlen dort Leichen auf und fressen ihr Fleisch.

Ich geriet in das größte Entsetzen, als ich meine Frau bei dieser Gule sah. Sie wühlten eine Leiche auf, die am selben Tage beerdigt worden war, und die Gule schnitt zu wiederholten Malen Fleisch davon ab, welches sie, auf dem Rande des Grabes sitzend, miteinander verzehrten. Sie unterhielten sich sehr ruhig während dieses greulichen und unmenschlichen Mahles, allein ich war zu weit entfernt, um etwas von ihrem Gespräch verstehen zu können; ohne Zweifel war es ebenso seltsam, wie ihre Mahlzeit, an die ich noch immer nicht ohne Schauder zurückdenken kann.

Als sie das gräßliche Mahl vollendet hatten, warfen sie den Rest des Leichnams wieder in das Grab und füllten es mit der Erde, die sie zuvor aufgewühlt hatten, wieder auf. Ich ließ sie gewähren und eilte nach Hause zurück. Beim Hereintreten ließ ich die Tür nach der Straße zu halb offen, wie ich sie gefunden hatte, ging sodann auf ihr Schlafzimmer zurück, legte mich wieder nieder und tat, als ob ich schliefe.

[Fußnote]: Gulen sind nach dem Glauben der Mohammedaner eine Art von Gespenstern oder Hexen, und zwar meist weiblichen Geschlechts. Sie unterscheiden sich von den Vampiren dadurch, daß sie sich bloß vom Fleisch der Leichen nähren. während letztere sich mit dem Aussaugen des Bluts begnügen.

Tausend und eine Nacht: Geschichte des Sidi Numan (Übersetzung von Gustav Weil, Band 3)